Nächtliche Erklärungen (Paperback)

ISBN/EAN: 9783938803974
Sprache: Deutsch
Umfang: 222 S.
Einband: Paperback
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Ito Baraka wird sterben. In einer feuchten, lichtlosen Souterrainwohnung in Hull bei Ottawa. Dort lebt er mit seiner Freundin Kimi Blue, sie ist indigener Herkunft und heroinsu¨chtig. Doch bevor Ito an Leukämie stirbt, muß er noch dieses Buch fertigschreiben, den Roman, in dem er erzählt, was in seinem Heimatland geschehen ist, wo die Sonne die Haut verbrennt, das Gehirn austrocknet und das Augenlicht löscht. In dem Land brennt eine weitere Sonne, ein Diktator, der Angst hat. Und wenn ein Diktator Angst hat, dann schlägt er um sich. Zuerst trifft es einige junge Studenten, die Flugblätter mit Zitaten Samuel Becketts verteilen, dann die Alten, denen er Zauberkräfte unterstellt. Ito, einer der Studenten, lernt den viel älteren Koli Lem kennen, als sie im Straflager eine Zelle teilen. Koli Lem ist blind geworden, als seine Folterer ihn in die Sonne starren ließen. Doch niemals trennt er sich von seinen Bu¨chern. Im Schein einer gestohlenen Petroleumlampe liest Ito ihm nachts vor, und in den Werken der Weltliteratur finden sie gemeinsam in eine Zone, in der ihnen niemand etwas anhaben kann. Nach dem Zusammenbruch des ungenannten Staates kommt Ito frei. Er beginnt zu schreiben und erhält ein Arbeitsstipendium in Kanada, wo er bleibt. Doch er lebt zwischen zwei Welten, die sich nicht vereinen lassen.
Edem Awumey wurde 1975 in Lomé, Togo, geboren. 'Explication de la nuit', so der Originaltitel, ist sein vierter Roman. Er erschien 2013 in Kanada und wurde bereits ins Englische u¨bersetzt. Edem Awumey lebt in Vieux-Hull bei Ottawa. Er ist fu¨r September zum internationalen literaturfestival berlin eingeladen.
Das Ende der 1980er Jahre sah uns am Beginn einer Art Fieber. Auf den Straßen und den Märkten wie auf den Theaterbu¨hnen träumten wir mit geschlossenen Lidern und sahen die Architektur des Landes, das da kommen sollte, Zeitungen jeder Couleur, die verschwommene Konturen eines Rechtsstaats skizzierten, eines Staats mit Redefreiheit und dem Recht auf Selbstverwirklichung. Doch diejenigen, die die Eier hatten, in den Zeitungen zu schreiben, wurden oft genug verpru¨gelt oder, schlimmer noch, abgeknallt. Also mußte eine andere Möglichkeit gefunden werden, das zu sagen, was den Bullen nicht gefiel. Wir dachten an das Theater; auf einem freigeräumten winzigen Streifen in Benos Zimmer mimten wir die großen Charaktere: King Lear, Père Ubu, Toussaint Louverture, Despoten oder Helden in den Kerkern von Frankreich, Kamtschatka oder dem Kongo. Wir schlu¨pften in die Haut dieser Charaktere, um unsere Begabung fu¨r die Schauspielerei zu testen. Das Spielen machte uns Spaß, wir bogen uns beim Mimen der Clownsfiguren. So kamen wir zu dem Schluß, daß wir, wenn diese Rollen und Gesten uns so sehr zum Lachen brachten, keine schlechte Figur machen wu¨rden beim Neuerfinden unseres Lebens auf der Bu¨hne. Eines Morgens also beschlossen Beno, Wali, Sika und ich, uns aus all den Teilen ab jetzt unsere eigene Realität zu schaffen, ein Stu¨ck zu kreieren, in dem wir herausschreien konnten, was wir wollten, ohne Repressalien des Sergeanten mit der Maschinenpistole fu¨rchten zu mu¨ssen. Wir faßten den Plan, einen flammenden Text zu schreiben mit einer Rolle fu¨r jeden von uns, ein Vierpersonenstu¨ck also. Dies letztere stellte natu¨rlich eine Einschränkung dar, aber wir wu¨rden es dennoch schaffen, da wir auf unser leuchtendes Projekt vertrauten (oder von ihm geblendet waren). Wir dachten noch u¨ber dieses Vierpersonenstu¨ck nach, als Wali in der Unibibliothek einen Beckett auslieh, den wir noch nicht gelesen hatten, 'Endspiel'. Und da uns der Zufall manchmal in die Hände spielt, bestand das Personenverzeichnis aus drei Männern und einer Frau. Das waren wir, wir selbst steckten in derselben lähmenden Scheiße wie Becketts Geschöpfe, und mir kam ein Satz aus seinem 'Molloy' wieder in den Sinn: 'Wenn man bis zum Hals in der Scheiße steckt, bleibt einem nur noch zu singen!'