GO! (Englische Broschur)

Roman
ISBN/EAN: 9783944751108
Sprache: Deutsch
Umfang: 208 S.
Format (T/L/B): 1.7 x 21 x 14.1 cm
Einband: Englische Broschur
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Er ist in Japan geboren, in Japan aufgewachsen, trägt einen japanischen Namen, spricht Japanisch wie ein Japaner. Aber er hat die nordkoreanische Staatsbürgerschaft. Er ist Ausländer. Und die japanische Gesellschaft lässt ihn das spüren, Tag für Tag: Schüler, Lehrer, die Umwelt, die Obrigkeit. Doch Sugihara weiß sich zu wehren: Trainiert von seinem Vater, einem ehemaligen Boxprofi, lässt er bei jeder Gelegenheit die Fäuste fliegen. Nachdem Sugiharas Eltern die südkoreanische Staatsangehörigkeit angenommen haben, um nach Hawaii reisen zu können, beschließt ihr Sohn, jetzt ebenfalls Südkoreaner und in der Minderheitenschule, die er besucht, als 'Verräter' gebrandmarkt, auf eine öffentliche japanische Oberschule zu wechseln. Dort verliebt er sich in das Mädchen Sakurai. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Liebesbeziehung. Sugihara erzählt seiner Freundin erst nichts von seiner koreanischen Abstammung, doch als sie in einem Hotel ihre erste Nacht verbringen wollen, gesteht er ihr seine Identität. Er will keine Geheinmnisse vor ihr haben. Sakurai ist enttäuscht und aufgebracht, denn sie ist von ihrem Vater dazu erzogen worden, Koreaner und Chinesen als minderwertig anzusehen.
Kazuki Kaneshiro, geboren 1968 in Japan, Zainichi-Koreaner. Für GO!, seinen ersten Roman, wurde er im Jahre 2000 mit dem Naoki-Preis ausgezeichnet. Kaneshiro lebt in Tokyo.
»Hawaii ...« ?Ich war vierzehn, als mein Vater zum ersten Mal in meiner Gegenwart das Wort »Hawaii« in den Mund nahm. Es war Neujahr, und im Fernsehen lief eine Sondersendung, in der drei hübsche Schauspielerinnen auf Hawaii herumfuhren und in permanente Begeisterungsrufe ausbrachen: »Wie schön!« »Wie lecker!« »Wie toll!« Bis dahin hatten wir Hawaii bei uns zu Hause immer Symbol des dekadenten Kapitalismus genannt. Mein Vater war damals vierundfünfzig und besaß die nordkoreanische Staatsangehörigkeit. Er war ein sogenannter Zainichi Chosenjin, ein in Japan lebender Nordkoreaner, ein Kommunist, der sich zu Marx bekannte. Doch eines möchte ich gleich zu Anfang klarstellen: Dies hier ist eine Liebesgeschichte, und zwar meine. Und mit dieser Liebe haben Kommunismus, Sozialismus, Kapitalismus, Pazifismus, Vegetarismus, Schmalspurästhetizismus oder sonst ein Ismus nichts zu tun. Das nur schon mal vorweg. Als das Wort »Hawaii« fiel, ballte meine Mutter ? nordkoreanische Staatsbürgerschaft ? zum Zeichen des Triumphes kurz die Faust; hinterher sagte sie zu mir: »Auch dein Vater ist nicht gegen das Älterwerden gefeit.« An jenem Neujahr wurde Japan von einer großen Kältewelle heimgesucht, und mein Vater mit seinen über Fünfzig wirkte recht mitgenommen. Ständig rieb er sich irgendwelche Körperteile und jammerte über seine Gelenke. Er ist auf der Insel Cheju im Süden Koreas geboren, wo ein warmes Klima herrscht, und hat dort seine Kindheit verbracht. Cheju wird von seinen Bewohnern übrigens das »Hawaii Asiens« genannt. Meiner Mutter ? sie ist in Japan geboren und aufgewachsen, wurde mit neunzehn von mei­ nem Vater im Tokyoter Viertel Okachimachi auf dem Ameyoko­Markt angemacht und brachte mit zwanzig mich zur Welt ?, entging nicht, dass mein Vater drauf und dran war, einzuknicken. Rasch trat sie hinter ihn und drückte auf seinem Rücken herum. »Die Berliner Mauer ist gefallen, die Sowjetunion gibt es auch nicht mehr. Im Fernsehen haben sie gesagt, am Zusammenbruch der Sowjetunion sei die Kälte schuld gewesen. Die Kälte vereist den Menschen das Herz. Sie vereist auch die Ismen ...« Sie sagte das voller Pathos. Es fehlte nicht viel, und sie hätte Donna, donna, donna angestimmt. Mein Vater, der ihr mit gesenktem Kopf zugehört hatte, hob den Blick wieder zum Fernseher, wo die Schauspielschönheiten, nun in Badekleidung, ihm mit einem süßen Lächeln Aloha! zuriefen. »Aloha«, murmelte er, schon ohne Widerstandskraft. Er stieß einen langen, tiefen Seufzer aus, dann kapitulierte er.